Wolfgang Roth:
Dann geht es möglicherweise wirklich um Langzeiterkrankung etc. Nicht selten tauchen da ja ganz schnell so Gedanken auf wie, da kriegt jemand sein Leben nicht auf die Reihe, Weichei, Warmduscher, mir könnte das alles gar nicht passieren, weil ich habe ja die Resilienz. Solange bis wir eines Besseren belehrt werden. Das heißt, auch Betriebsräte dürfen sich natürlich erstmal überhaupt mit diesem tabuisierten bis teilweise stigmatisierten Thema erstmal schrittweise annähern bis anfreunden. Da ist doch jeder froh, wenn er mit dem Thema erstmal nichts zu tun hat.
360° BR im Gespräch mit Wolfgang Roth, Teil 1 von 2 - Die resiliente Belegschaft
Marco Nörenberg:
Ja, auch Führungskräfte sind Arbeitskräfte und die nicht leitenden Angestellten von ihnen werden natürlich auch von Betriebsräten vertreten. In dem Wort Führungskraft stecken die Worte Führung und Kraft. Ebenso ist es mit dem Begriff Arbeitskraft. Aber immer weniger Menschen, Kolleginnen und Kollegen, bringen die Kraft auf zu arbeiten oder zu führen. Das führt zu Krankheit und Verdruss. Die Zahl der psychischen Erkrankungen nimmt seit Jahren sprunghaft zu. Kolleginnen und Kollegen fühlen sich oft von überforderten und oder psychisch angeschlagenen Führungskräften schlecht geführt. Die Ursachen sind vielfältig und oft könnte man ihnen, zum Vorteil Aller, sogar abhelfen. Allein, sie werden gar nicht ergründet. Der Gesetzgeber hat dies erkannt und hat seit knapp zehn Jahren die psychische Gefährdungsbeurteilung für alle Betriebe verpflichtend eingeführt. Tatsächlich aber werden sie in über der Hälfte der Betriebe gar nicht durchgeführt, mit erheblichen Auswirkungen auf die Gesundheit der Beschäftigten, aber auch solchen auf die betriebswirtschaftlichen Situationen und die unserer Volkswirtschaft. Über all diese Themen und vieles mehr möchte ich heute mit Wolfgang Roth sprechen und der Verlauf unseres Gesprächs wird mit Sicherheit hochspannend.
Die Bedeutung von Gefährdungsbeurteilungen und die Mitbestimmung des Betriebsrats
Durch die Corona-Pandemie und die damit verbundenen zahlreichen Homeoffice-Situationen hat in meiner Betriebsratsberatung ein Thema eine Renaissance erfahren, mit dem offensichtlich viele Betriebsräte ein wenig fremdeln: Die Gefährdungsbeurteilung. Dabei geht es nur vordergründig ausschließlich um die Lux-Zahl der Lampen, die Rutschfestigkeit des Teppichs oder die „Arbeitsunfälle“.
Im Homeoffice und beim mobilen Arbeiten, aber auch ganz normal im Betrieb spielen Fragen von Ergonomie und psychischen Belastungen eine immer stärkere Rolle. Gerade letzteres aber, die Gefährdung der Gesundheit durch auf die Psyche wirkende Faktoren, ist aber in der Mehrzahl der Betriebe nicht Gegenstand von Gefährdungsbeurteilungen. Das hat teils gravierende bis fatale Auswirkungen auf die Gesundheit der Beschäftigten. Wie man sich dem als Betriebsrat richtig nähert, darüber wollen wir in dieser Blog Folge sprechen.

360 Grad
Betriebsrat Consulting GmbH

